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Was es mit der Weisheit "im Mai verkaufen und weggehen" wirklich auf sich hat

Von: A. Bold - 12.04.2012
Börse - Gerd Altmann / pixelio.de

Börse - Gerd Altmann / pixelio.de

Auch wenn Sie kein Börsen-Profi sind, haben Sie sicherlich schon die alte Weisheit gehört „Sell in May and go away“, also „Verkaufen Sie im Mai und gehen Sie weg“.

Der Zeitraum zwischen Mai und November gilt historisch als die Periode mit der schlechtesten Performance an der Börse. Auf den Anstieg der Kurse von Januar bis April folgte dann in der Regel Stagnation oder gar Rückgang.

Sollte man daraus jetzt folgern, dass die Anleger im Sommer einfach Ferien machen und in dieser Zeit ihre Anlagen vernachlässigen können? Klingt logisch, zumindest wenn Sie es beziehen auf die prä-Internet Zeiten, wo alle Börsengeschäfte noch mit persönlicher Kommunikation auf dem Börsenparkett, also vor Ort, getätigt werden mussten. Doch inzwischen gibt es das Internet und den elektronischen Wertpapierhandel, wodurch jederzeit und überall auf der Welt Börsengeschäfte getätigt werden können. Insofern haben sich die Voraussetzungen ganz grundlegend geändert.

Also wie verhält es sich nun mit dieser doch so verlockenden Perspektive, sechs Monate lang einfach Urlaub zu haben? Handelt es sich dabei bloß um ein Klischee oder…? Schauen wir uns diese „Weisheit“ einmal näher an.

Der Stock Trader's Almanac hat die Statistiken untersucht und ist zu folgendem interessanten Ergebnis gekommen: Angenommen, Sie hätten über einen Zeitraum von sechzig Jahren jedes Jahr Aktien des S&P 500 am 1. Mai gekauft und am 30. November wieder verkauft, dann hätten Sie jetzt unter dem Strich einen negativen Ertrag. Im Umkehrschluss bedeutet das natürlich, wenn Sie am 1. Mai verkauft und dann am 30. November gekauft hätten, würde Ihr Saldo nach Ablauf dieser sechzig Jahre ein Plus aufweisen.

Insofern scheint diese alte Börsenweisheit tatsächlich zu funktionieren. Nächsten Monat also ab in den Urlaub?

Halt, wir sollten uns die Sache doch noch etwas differenzierter ansehen, denn natürlich war nicht jedes Jahr schlecht. Wenn wir die Jahre seit 1950 ins Visier nehmen, konnte der Zeitraum zwischen dem 1. Mai und dem 30. November in der Tat in 60% der Fälle positive Zahlen aufweisen. Aber es gab auch Verluste, und diese Verluste waren dann so schwerwiegend, dass sie die Gewinne der anderen Jahre stark getrübt haben.

Es scheint also, dass der Besitz von Aktien innerhalb dieser Periode ein hohes potentielles Risiko in sich birgt bei geringer potentieller Belohnung. Für Investoren, die ihr Kapital langfristig investieren, macht es also durchaus Sinn, im Mai zu verkaufen und dann die Börse Börse sein zu lassen und in Urlaub zu fahren.

Das Bild kann sich aber schon ganz anders gestalten, wenn wir es aus der Sicht eines Traders anschauen, der bei seinen Börsengeschäften kurzfristig operiert.

Bei diesen kurzfristig konzipierten Börsendeals liefert die Volatilität (Flüchtigkeit) einen wichtigen Anhaltspunkt für die Kauf- bzw. Verkaufsentscheidungen des Traders.

Die Kursschwankungen verraten ihm, ob er das jeweilige Wertpapier

  • kaufen sollte (go long), weil er darauf spekuliert, dass der Kurs steigen wird und er somit die Aktie später günstiger verkaufen kann als er sie jetzt einkauft, oder
  • ob er es doch lieber verkaufen sollte (go short), weil er darauf spekuliert, dass der Kurs runtergehen wird und er somit die Aktie später günstiger einkaufen kann als er sie jetzt verkauft.

Je präziser die Prognosen über die Kursentwicklung, desto richtiger seine Trading Entscheidungen. Bei starken Schwankungen (hoher Volatilität), wenn die Aktien also ständig fallen und steigen, sind zuverlässige Prognosen natürlich erheblich schwieriger. Deshalb gilt allgemein die Regel, je höher die Volatilität, desto größer die Ungewissheit und desto riskanter das Wertpapier. Und umgekehrt, je geringer die Volatilität, also je weniger Schwankungen das Wertpapier ausgesetzt ist, desto größer die Gewissheit und desto sicherer das Wertpapier.

Soweit die Theorie. Erfahrungsgemäß beruhigt sich die Volatilität in der Regel in diesem fraglichen Zeitraum von Mai bis November. Der Trader hat in dieser Zeit folglich eine viel höhere Gewissheit bei seinen Entscheidungen, wodurch seine Erfolgsaussichten enorm steigen.

Unter diesem Gesichtspunkt ist er gut beraten, gerade in dieser Zeit am Ball zu bleiben und die Gelegenheiten auszuschöpfen, um von den Marktbewegungen zu profitieren.


Der S&P 500 April 2010 bis April 2012

Quelle: http://de.finance.yahoo.com


Als Beispiel können uns die beiden letzten Jahre dienen: Im vergangenen Jahr erreichte der S&P 500 seinen Höchststand im Mai. Im Vorjahr 2010 erreichte er ebenfalls im Mai zumindest eine mittelfristige Spitze. Hätten Trader dann jeweils Leerverkäufe getätigt, hätten sie 20% und mehr verdienen können.

Umgekehrt hätten ihnen die Talsohlen, die in beiden Jahren zwischen Mai und November erreicht wurden, mit den entsprechenden Long Verkäufen ebenfalls beachtliche Gewinne einbringen können.

Fazit

Wenn Sie sich als Kapitalanleger verstehen, der sich an die Kaufen und Halten-Strategie (buy and hold) hält und eher langfristig in Anlagen investiert, können Sie das Motto befolgen, "im Mai zu verkaufen und wegzugehen". Der Wortlaut dieser Börsenweisheit wurde umgangssprachlich übrigens verkürzt. Vollständig muss es heißen: „Sell in May and go away, stay away till St. Leger’s Day“. (Anmerkung: St. Leger bezieht sich auf die alljährlich im September in Doncaster, South Yorkshire/England, ausgetragenen Pferderennen, die 1776 von Anthony St. Leger gegründet wurden. Das deutsche Pendant dieser Galopprennen wurde 1881 begründet und wird heutzutage auf der Galopprennbahn in Dortmund ausgetragen).

Verkaufen Sie also im Mai, genießen Sie den Sommer/Herbst über Ihre bis dahin erzielten Gewinne, und decken Sie sich dann im November neu ein.

Sollten Sie aber kurzfristige Trades bevorzugen, dann bleiben Sie am Ball und sehen Sie zu, dass Sie das Potential für Long Selling und Short Selling voll ausschöpfen.


Gutes Investieren!



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Bildquelle:
Börse - Gerd Altmann / pixelio.de


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