
Vielleicht haben Sie schon einmal von ihr gehört, von der Fabel von der Heuschrecke und der Ameise. Es gibt unterschiedliche Versionen von dieser Parabel, die auf den altgriechischen Fabeldichter Äsop zurückgeführt wird. Die Kernaussage: Die Heuschrecke ist faul und vergnügt sich den Sommer über mit Singen und Kurzweil, während die Ameise fleißig Vorräte sammelt, um gut über den Winter kommen zu können. Dann ist es soweit, der Winter zieht übers Land und der Heuschrecke bleibt nichts anderes übrig als die Ameise um Almosen anzubetteln. Die Ameise verweigert diese Gabe und folglich muss die Heuschrecke hungern. Denn: Untätigkeit bringt Entbehrung!
Das ist jedenfalls die Variante, auf die Martin Wolf, Wirtschaftskommentator bei er Financial Times, sich bezieht in seiner Kolumne The grasshoppers and the ants – a modern fable.
Wolf kommentiert diese Parabel dann wie folgt:
„Und doch ist das Leben komplizierter als in der Fabel von Aesop. Heute sind die Ameisen Deutsche, Chinesen und Japaner, während die Heuschrecken Amerikaner, Briten, Griechen, Iren und Spanier sind. Ameisen erzeugen verlockende Waren, die die Heuschrecken kaufen wollen. Die Letzteren fragen, ob die Ersteren etwas dafür haben wollen. "Nein", antworten die Ameisen. "Ihr habt nichts, was wir wollen, außer, vielleicht, einen Flecken am Meer. Wir werden Euch das Geld leihen. Auf diese Weise genießt Ihr unsere Waren, und wir häufen Vorräte an."
Wolf illustriert dann die Auswirkungen dieses Deals zwischen Heuschrecke und Ameise, die jeweils ihre eigene Art Wirtschaft aufbauen: die Heuschrecke gibt die Konsumenten-Wirtschaft, während die Ameise eine Erzeuger-Wirtschaft ausbaut. Folglich sind beide voneinander abhängig, der eine kann nicht ohne den anderen.
„Ameisen und Heuschrecken sind glücklich. Die Ameisen sind sparsam und vorsichtig und deponieren ihren Überschussertrag in angeblich sicheren Banken, die wiederum Geld an die Heuschrecken verleihen. Die Letzteren müssen wiederum keine mehr Waren herstellen, da die Ameisen sie so preiswert liefern. Aber die Ameisen verkaufen ihnen keine Häuser, Einkaufszentren oder Büros. Folglich stellen die Heuschrecken diese stattdessen her. Sie bitten sogar die Ameisen, zu kommen und die Arbeit zu verrichten. Die Heuschrecken stellen fest, dass mit dem ganzen Geld, das hereinströmt, der Preis des Landes steigt. Also borgen sie mehr, bauen mehr und geben mehr aus.
Die Ameisen schauen auf den Wohlstand der Heuschrecken-Kolonien und erzählen ihren Bankern: "Leihen Sie den Heuschrecken sogar noch mehr, da wir Ameisen keine Darlehen aufnehmen wollen." Ameisen sind viel besser darin, echte Produkte herzustellen als finanzielle Angelegenheiten einzuschätzen. Somit entdecken die Heuschrecken kluge Wege, ihre Heuschrecken-Darlehen in verlockende Anlagen für Ameisenbanken zu paketieren.
Jetzt liegt das deutsche Ameisennest sehr nah bei einigen kleinen Kolonien von Heuschrecken. Deutsche Ameisen sagen: "Wir wollen Freunde sein. Also warum verwenden wir nicht alle dasselbe Geld? Aber zunächst müssen Sie versprechen, sich für immer wie Ameisen zu benehmen." So müssen Heuschrecken einen Test bestehen: sich ein paar Jahre lang wie Ameisen zu benehmen. Die Heuschrecken tun das und dann wird ihnen erlaubt, das europäische Geld anzunehmen.“
Nun, das Ende vom Lied: Letzten Endes sitzen beide – Heuschrecken wie Ameisen – in der Falle. Die Heuschrecken haben sich finanziell völlig verausgabt und sind schlichtweg pleite, die Ameisen haben Kapital aufgebaut, das sie nicht verwerten können, denn die Erweiterung ihrer Produktionskapazitäten ist sinnlos, weil es an Abnehmern mangelt, und kaufen können sie mit ihrem Kapital auch nichts, weil die Heuschrecken nichts zu verkaufen hatten.
Hm, soweit so gut.
Es ist eine interessante Sichtweise, die Deutschen als fleißige Ameisen zu sehen. Umso mehr, als es erst kürzlich, am 8. August, in einem Artikel der Welt am Sonntag mit dem Titel Das entschleunigte Land hieß:
„Einer quasiamtlichen Schätzung zufolge dürften in diesem Jahr 55.953.000 Stunden Erwerbsarbeit absolviert werden. Darin ist die Hausarbeit nicht enthalten, die Schwarzarbeit und das ehrenamtliche Engagement nicht – und auch nicht inoffizielle Überstunden wie die Heimarbeit am Computer, bei der abends und am Wochenende dienstliche Mails beantwortet und Dateien bearbeitet werden.
Aber dennoch ist in jenen knapp 56 Millionen Stunden das Gros der Zeit enthalten, die wir zur Erwirtschaftung unseres materiellen Wohlstands aufbringen. 55.953.000 Stunden im Jahr, das heißt: Pro Kopf der Bevölkerung werden in Deutschland etwa 690 Stunden offizielle Erwerbsarbeit geleistet. Das sind weniger als eine Stunde und 54 Minuten pro Tag. Selbst wenn man zu der offiziellen Erwerbsarbeit 50 Prozent aufschlägt, um die inoffizielle zu berücksichtigen, landen wir bei weniger als drei Stunden. Von weniger als drei Stunden also muss letztlich alles bezahlt werden: alles, vom Frühstücksbrötchen bis zur Urlaubsreise, vom Pflegeheimplatz für Oma über die Zinsen für die Staatsschulden bis hin zum Einsatz in Afghanistan.“
Nichtsdestotrotz konnte die deutsche Bundesregierung letzte Woche die besten Ergebnisse berichten, die Deutschland seit dem Fall der Mauer 1989 vorzuweisen hat. Immerhin stieg vom ersten Quartal bis zum zweiten das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Republik um 2,2%. Sollte diese Entwicklung anhalten, kämen die Deutschen Ameisen auf ein Wachstum von 9% pro Jahr – das heißt es liegt Kopf an Kopf mit China und Deutschlands Wirtschaft expandiert viermal schneller als die französische und die US-Wirtschaft aufzubieten haben. Nur zum Vergleich: Griechenlands Wirtschaft hingegen hatte im vergangenen Quartal einen Rückgang von 1,5% zu beklagen....
Bill Bonner, renommierter Wirtschaftsanalyst und Autor, bietet uns zu diesem Thema diesen vielsagenden historischen Rückblick:
„Die Teutonen-Stämme sind ein aggressives Pack. Die Usipeter, Tenkterer, Bataver, Cherusker, Chatten, Vandalen, Goten, Franken, Alanen, Sueben - haben im Laufe der Jahrhunderte miteinander gerangelt. Sie müssen auf den Geschmack gekommen sein, was Wettbewerb anbelangt. Und als Rom schon in den letzten Zügen keuchte, fielen sie darüber her wie französische Finanzbeamte über das Anwesen einer Witwe. Die Vandalen stießen den ganzen Weg vor über Gallien und die Iberische Halbinsel, setzten über zu Nordafrika, und von ihrer neuen Basis in Karthago fuhren sie fort, das alte Reich zu kitzeln, bis es sie überrollte.
Jeder hat seine Ellbogen. Aber Konkurrenz nimmt viele Formen an. Besser, Audis und Mercedes zu bauen, als Tiger und Messerschmitts. Besser, für den Marktanteil um die Wette zu rennen als für die Champs-Élysées. Was für Formen es auch annimmt, Konkurrenz wird wahrscheinlich nicht anhalten. Glücklicherweise ist es größtenteils ein Segen für jedermann - sogar die Verlierer...“
Hier tut sich nun ein interessanter Kontrast auf, den sich der interessierte Leser in einer ruhigen Minute einmal in aller Deutlichkeit vor Augen halten sollte. Martin Wolf plädiert folgendermaßen: Wenn die Handelsflüsse derart aus dem Gleichgewicht geraten sind, dass Deutschland der reine Geber ist und Griechenland der reine Nehmer, dann ließe sich das Problem doch leicht korrigieren, indem einerseits Deutschland aufhört, so hart zu arbeiten und so viel Zeug zu exportieren, das man nicht brauchte; und andererseits Griechenland aufhört, so viel Geld auszugeben, das es nicht hatte. Schließlich würde eine Verlangsamung bei den Ausgaben nur den erneuten Aufschwung gefährden, deshalb sollten die Deutschen ihre Ausgaben ruhig höher schrauben, Enthaltsamkeit sei in dieser Zeit nicht angesagt.
Demgegenüber haben wir hier die Sichtweise von Bill Bonner, die ganz anders aussieht:
„Sie haben das Problem missverstanden. Stellen Sie sich zwei Männer vor, die auf einer Insel gestrandet sind. Sie überleben kaum. Der eine arbeitet hart und jagt, sammelt und pflanzt. Der andere tanzt am Strand wie Sorbas, und ist abhängig von der Gefälligkeit seines Begleiters, um seine täglichen Rationen zu bekommen. Das Problem ist nicht das Ungleichgewicht. Das Problem ist der Faulpelz. Sie könnten das Gleichgewicht zwischen ihnen wiederherstellen, indem Sie den Produktiven veranlassten, ebenfalls langsamer zu werden. Aber dann würden sie beide hungern.“
Bonner geht dann noch ein auf den Euro als Teil des Problems, da er entweder zu niedrig ist für Deutschland oder zu hoch für Griechenland – halt je nachdem, wie man es betrachtet.
Und er fährt fort:
„Das bringt uns dazu uns zu fragen, wie die Welt wohl dorthin gelangen konnte, wo sie ist. In den hundert Jahren vom Ende der Napoleonischen Kriege bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs war Europa selten glücklicher - oder friedlicher. Und doch war das Geld während dieser Zeit noch unflexibler als der Euro. Regierungen begingen keinen vorsätzlichen Mord an ihren eigenen Währungen. Stattdessen wurde der Wert des Papiergelds durch Gold geschützt. Leute waren im Wettstreit, indem sie härter arbeiteten, mehr sparten und sich überlegten, wie sie mit weniger mehr erzeugen könnten – genau wie die Deutschen es jetzt tun.“...
Und Sie – wären Sie lieber Ameise oder Heuschrecke?
Denn letztlich, was für ganze Nationen gilt, gilt auch für jeden einzelnen von uns.
Die Entscheidung liegt bei Ihnen.

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