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Brasilien - einer der wichtigsten Faktoren in der Entwicklung unserer Welt

Von: A. Radan - 24.08.2010
Fotograf Felipe Micaroni Lalli

So sah es zumindest Stefan Zweig. Der Österreicher Zweig war nach der Machtergreifung der Nazis im Deutschen Reich und deren wachsender Einfluss in Österreich nach London emigriert und hatte die britische Staatsbürgerschaft angekommen, um 1940 schließlich  endgültig ins Exil zu gehen: nach Brasilien. Dort beging er zwei Jahre später Selbstmord, wohl aus Verzweiflung über die Zerstörung seiner „geistigen Heimat Europa“, so wird zumindest vermutet.


Stefan Zweig um 1900


Trotz dieser düsteren Begleitumstände liebte Stefan Zweig das Land. 1941 schrieb er dort sein Buch Brasilien: Ein Land der Zukunft. Brasilien war seiner Einschätzung nach "dazu bestimmt, einer der wichtigsten Faktoren in der Entwicklung unserer Welt zu werden."

Und tatsächlich hat Brasilien einiges aufzuweisen. Ein imposanter Aspekt ist seine enorme Größe. Immerhin steht es flächen- und bevölkerungsmäßig unter den Staaten der Erde an fünfter Stelle und hat von allen südamerikanischen Ländern die höchste Bevölkerungszahl vorzuweisen. Und es kann mit unglaublich beeindruckenden Landschaften aufwarten wie den Regenwäldern im Amazonas Tiefland, den Hügeln und Gebirgen im Süden oder den Savannen im Mittelwesten. Auch der Amazonas hat als längster Fluss der Erde mit seinen 6.448 km viel dazu beigetragen, das Bild der Landschaft zu prägen.

Stefan Zweig beschreibt das folgendermaßen: "Hier liegt unermesslicher Reichtum von Boden, der nie gepflügt oder kultiviert worden ist, und darunter Erze, Minerale und Bodenschätze, die nicht im geringsten aufgebraucht oder auch nur umfassend erforscht worden sind."

Die unglaubliche Vielfalt und der Reichtum des Landes sprengen glatt den Rahmen eines Artikels auf einer Finanzseite. Aber so viel lässt sich sagen, dass Stefan Zweig beileibe nicht der einzige ist, der von dem Charme dieses Landes gefesselt war und sich in seinen Bann hat ziehen lassen. Nicht umsonst wurde es schließlich zu einem geflügelten Wort: "Brasilien, das Land der Zukunft und wird es immer sein."

Tatsächlich hatte der Boom bei den Bodenschätzen beträchtlichen Anteil am Aufbau des Landes. Stefan Zweig hatte Recht mit seiner Beobachtung. Nutzholz, Zucker, Baumwolle, Gold, Kaffee und Gummi sind nur einige der Bodenschätze, die den Reichtum des Landes ausmachen.

Das Auswärtige Amt veröffentlichte im Februar 2010 folgende Zahlen zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes:

Mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von ca. 1.600 Mrd. USD (2009) ist Brasilien die zehntgrößte Volkswirtschaft der Welt. Das Pro Kopf-Einkommen betrug zur gleichen Zeit ca. 8.300 USD. Die Erwirtschaftung des BIP erfolgt zu etwa 64% im Dienstleistungsbereich, zu 30% in der Industrie und zu 6% in der Landwirtschaft. Brasilien konnte in den letzten Jahren stark vom Rohstoffboom profitieren. Es erzielte erhebliche Handelsüberschüsse, die es zum Abbau der Auslandsverschuldung nutzte. Durch eine stabilitätsorientierte Geldpolitik konnte auch die Inflationsrate merklich reduziert werden.

Die positive Entwicklung der Wirtschaftslage in Brasilien schwächte sich 2008 infolge der einsetzenden globalen Wirtschaftskrise ab; das Wachstum betrug aber immer noch 5,1% (2009: 0,1%); Brasilien hat die Weltfinanz-/Wirtschaftskrise vergleichsweise rasch und mit geringen Einbußen überstanden und ist jetzt wieder auf Wachstumskurs (für 2010 wird mit einem Wachstum von ca. 5% gerechnet).“

Und mehr noch: Brasiliens Nettoschulden befinden sich auf einem Niveau, das, mit den Worten der Financial Times, "einen Großteil der entwickelten Welt vor Neid grün werden lässt."

Einen entscheidenden Anteil an dieser Entwicklung hat das stete Anwachsen des Mittelstands. Und auf die Stärkung des Mittelstands ist wohl auch zurückzuführen, dass beispielsweise der Einzelhandelsumsatz allein im März dieses Jahres um stolze 30% zunahm.

"Nirgendwo sonst in der Welt hat es eine derart dramatische Veränderung im Mittelstand gegeben wie Brasilien, nicht einmal in China", sagt ein Analyst, der kürzlich im The Wall Street Journal zitiert wurde. "Dort gibt es eine unermessliche Geldmenge."

Brasilien mausert sich inzwischen immer mehr zu einem Land, in das man in der Tat investieren kann. Zwar gibt es immer noch komplizierte Gesetze und hohe Steuern, die sich als Hemmnisse auswirken. Und das Arbeitsrecht ist noch überholt und häufig unflexibel. Dennoch, was es bereits geschafft hat, kann sich durchaus sehen lassen. Die Weltbank, deren Kernaufgabe es ist, die wirtschaftliche Entwicklung von weniger entwickelten Mitgliedstaaten im Auge zu behalten und zu fördern, führt Brasilien an 129. Stelle von den 183 Nationen. Es gibt also noch viel zu tun, aber es gibt auch begründeten Anlass zur Hoffnung. Ein Partner einer führenden internationalen Anwaltskanzlei formulierte es folgendermaßen: "Zum ersten Mal in der Geschichte Brasiliens haben wir eine ausgezeichnete Umgebung für Investitionen."

Angesichts eines derart vielschichtigen Landes gibt es auch vielfältige Investmentgelegenheiten. Dabei ist es vor allem ein Sektor, der alle Bereiche berührt und sich durch alle Gebiete wie ein roter Faden hindurchzieht: die Infrastruktur.

Entscheidende Bedeutung kommt hier vor allem der Abwasser-Industrie zu. Der Financial Times zufolge ist hier der „Bedarf an Investitionen vielleicht größer ist als in jedem anderen Sektor." Folgende Zahlen verdeutlichen die Dringlichkeit, dass etwas getan wird: Zwar haben ungefähr 80% der Brasilianer Zugang zu sauberem Wasser, aber weniger als die Hälfte haben Zugang zu einer Kanalisation. Und Brasilien bereitet weniger als ein Drittel seines Abwassers auf.

Eine weitere Quelle für Schwierigkeiten ist in der schlechten Beschaffenheit der Straßen zu finden, von denen gerade mal eben 10% überhaupt gepflastert sind. Und das hat beträchtliche Auswirkungen, denn immerhin rollt ungefähr 68% von Brasiliens Transportaufkommen über eben diese Straßen. Die katastrophalen Straßenverhältnisse behindern also nicht nur den Privatverkehr, sondern auch den Frachtverkehr über Land. Das führt dazu, dass die Frachtkosten teilweise ein Drittel des Werts der verladenen Waren aufbrauchen. Und gelegentlich kommt es dann auch vor, dass die Fracht gar nicht erst an ihrem Bestimmungsort ankommt. Da kann es schon mal passieren, dass ein Geschäft ohne die benötigte Ware auskommen muss. So konnte kürzlich ein McDonald's Laden seinen Kunden einen ganzen Tag lang keine Pommes frites anbieten, weil der entsprechende LKW ein Opfer der schlechten Straßenverhältnisse geworden war.

Neben den Straßen sind auch die Bahnlinien und Häfen den steigenden Bedürfnissen einer blühenden Wirtschaft (noch) nicht gewachsen und bieten noch reichlich Betätigungsfeld für Investoren. Santos ist ein gutes Beispiel. Das ist die bedeutendste Hafenstadt Lateinamerikas an der Küste des brasilianischen Bundesstaates São Paulo, die auch über das größte Containerterminal Südamerikas verfügt. Dennoch wird an diesem Hafen nur ein Zehntel des Verkehrs großer asiatischer Häfen wie Hongkong bewältigt.

Die Schwäche der Infrastruktur zeigt sich auch in dem geringen Einsatz von Stahl. Hier zum Vergleich ein paar interessante Zahlen zum pro Kopf-Verbrauch auf internationaler Ebene:

Brasilien: 100 kg pro Person (seit 1980 nahezu unverändert)

China:     300 kg pro Person (1980 waren es 30 kg Stahl)

Europäische Länder: häufig mehr als 500 kg

Südkorea:     1.200 kg

Lakshmi Mittal, der CEO der größten Stahlgesellschaft in der Welt, hat es auf den Punkt gebracht: "Das Niveau des Verbrauchs liegt weit unter dem Potenzial des Landes. Es ist auch ein Hinweis auf einen Mangel an Infrastruktur-Investitionen in den letzten zwei Jahrzehnten."

Aber dieses Land der Zukunft wäre nicht das Land der Zukunft, wenn es nicht eine ganze Reihe Projekte am Laufen hätte, um all diese Schwachpunkte Schritt für Schritt aufzuarbeiten. Ein Beispiel für die Dynamik des Landes ist dieses Projekt:

Der “Super Port Açu” ist das größte im Bau befindliche private Hafen-Projekt in Brasilien. Die Baustelle liegt in São João da Barra (Staat von Rio de Janeiro) und wurde im Oktober 2007 in Gang gebracht. Mit Kapitalkosten in Höhe von 1,6 Milliarden US-Dollar wird dieser gemischte Einsatz von privatem Hafenterminal und Industriekomplex ein Gesamtgebiet von 7,8 tausend Hektaren abdecken, mit 18,5 Meter Tiefe und einer Offshore Struktur von bis zu 10 Liegeplätzen für die Handhabung von Produkten wie Eisenerz, Stahlprodukte, Kohle, Flüssigware und gemischte Ladung. Basierend auf dem Industriekonzept moderner Häfen wird der Açu Industriekomplex der bevorzugte Bestimmungsort für die Schwerindustrie sein und fast 100 Millionen Tonnen von Produkten pro Jahr abwickeln.“ http://www.cg-la.com/lalf7/lalf7mapview/242-brazil-port-of-acu

Aber es gibt in Brasilien noch eine ganze Reihe weiterer Projekte wie beispielsweise den Ausbau des Straßennetzes und einen Hochleistungsschienenweg zwischen São Paulo und Rio und vieles mehr.  Und wie gesagt, das sind nur Beispiele.

An dieser Stelle wäre es vielleicht angebracht, nochmals an diese Definition der BRIC Wirtschaften zu erinnern:

„Ein Akronym für die Wirtschaften Brasiliens, Russlands, Indiens und Chinas zusammen. Der allgemeine Konsens besteht darin, dass der Begriff zuerst in einem Goldman Sachs Bericht von 2003 verwendet wurde, der spekulierte, dass bis 2050 diese vier Wirtschaften wohlhabender sein würden als die meisten bedeutenden Wirtschaftsmächte der Gegenwart.

Die BRIC These postuliert, dass China und Indien sich als die weltweit dominierenden Lieferanten von Manufakturwaren beziehungsweise Dienstleistungen erweisen werden, während sich Brasilien und Russland ähnlich dominierend als Lieferanten von Rohstoffen herauskristallisieren werden. Es ist wichtig festzustellen, dass die Goldman Sachs These nicht besagt, dass diese Länder eine politische Verbindung (wie die Europäische Union) oder eine formelle Handelsvereinigung sind - aber sie haben das Potenzial, um einen mächtigen Wirtschaftsblock zu bilden. BRIC wird jetzt auch als allgemeinerer Marketing Begriff verwendet, wenn man sich auf diese vier Emerging Economies bezieht.

Aufgrund niedrigerer Personal- und Herstellungskosten zitieren viele Gesellschaften auch BRIC als eine Quelle ausländischer Expansionsmöglichkeit.“

Übers. von http://www.investopedia.com/terms/b/bric.asp

Sie sehen, die Zukunft Brasiliens ist weit offen.

"Ich bin stolz auf dieses vielseitige Brasilien, zu dem ich gehöre. Wo alles noch offen ist, wo man noch mit einer Utopie vor Augen in die Zukunft schauen kann, die Natur grossartig und wunderschön ist, alles Leben gedeiht - und die Sonne nie lange fernbleibt." - João Ubaldo Ribeiro

Gutes Investieren!


Unser Buchtipp zu diesem Thema:

Brasilien: Ein Land der Zukunft (insel taschenbuch)


Eine weitere Empfehlung:

Wirtschaftsmacht Brasilien: Der grüne Riese erwacht


Eine weitere Empfehlung:

Wirtschaftswunder 2010: Deutschlands Familienunternehmer erobern die Weltmärkte


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