“Es ist nicht die Situation...
Es ist Ihre Reaktion auf die Situation.”
Robert Conklin
Erst kürzlich war in der Financial Times nachzulesen: "US-Getreideaktien-Vorhersagen vertiefen Befürchtungen einer Nahrungsmittelkrise".
Das ist mehr als nur eine Schlagzeile. Wir haben es hier mit etwas zu tun, das uns und unsere sämtlichen Wertpapierbestände in mancherlei Hinsicht beeinflussen könnte.
Zuerst warnten die Vereinten Nationen, die Welt würde sich einem "Nahrungsmittel Preisschock“ gegenüber sehen. Und schon eine Woche später musste die US-Regierung ihre Prognose für die Schlüsselgetreide reduzieren. Die Preise für Getreide und Sojabohnen sind auf den höchsten Stand in den vergangenen 30 Monaten gestiegen. Allein seit Juni sind die Preise für Getreide um 94% gestiegen, denn die Warenbestände sind sehr knapp.
Wen wundert’s da, dass Befürchtungen sich verstärken, es könnte zu einer Wiederholung der Tumulte kommen, die 2008 in den armen Ländern der Welt ausgebrochen waren.
Wir haben es hier mit einer Entwicklung zu tun, die sich schon seit langem abzeichnet. Schon seit Jahrzehnten steht den Menschen immer weniger urbares Land zur Verfügung. Mit Getreideernten in die Gewinnmarge zu kommen ist zu einer eher zähen Angelegenheit geworden. Die Erdbevölkerung nimmt mit rasanter Geschwindigkeit zu und die Einkommensniveaus steigen. Hand in Hand mit dieser Entwicklung haben sich auch die Ernährungsgewohnheiten verändert. Vor Jahren gab es nur einmal die Woche den von Muttern liebevoll zubereiteten guten Sonntagsbraten, an den Sie sich sicherlich noch erinnern. Nach den Entbehrungen des Zweiten Weltkriegs bildete er das absolute Highlight für die ganze Woche. Im Zuge des steigenden Lebensstandards wird inzwischen erheblich mehr Fleisch verkonsumiert. Für den erhöhten Fleischkonsum wird wiederum mehr Korn benötigt, denn die eigentlichen Fleischlieferanten, die Rinder, müssen schließlich ernährt werden.
Inzwischen liebäugeln die Nahrungsmittelerzeuger verstärkt mit den Biobrennstoffen und haben sich auf diesem Terrain allerdings einen Rivalen eingehandelt, den Energiesektor. Die Wasserknappheit ist ein weiteres Handicap, das die Nahrungsmittelversorgung erschwert.
Noch ein weiterer Aspekt hat einen nicht unerheblichen Einfluss auf diese ganze Thematik: Inflation - wobei es hier ein weit verbreitetes Missverständnis gibt. Für Otto Normalverbraucher manifestiert sich Inflation vor allem dadurch, dass anscheinend alles teurer wird. Die Kaufkraft nimmt ab: er kann weniger kaufen für sein Geld. Häufig verwechselt er dann Symptom und Ursache und denkt, Inflation gleich steigende Preise. Die nachlassende Kaufkraft ist jedoch nicht die Ursache, sondern das Symptom. Die Ursache ist das erhöhte Geldangebot, das wir den Druckerpressen verdanken bzw. den Instanzen, die diese Pressen in Gang setzen. Das erhöhte Geldangebot wiederum bewirkt, dass dieses gedruckte Geld dann weniger Wert hat.
Und damit haben wir eine weitere Komponente, die ihre eigene Note in das Spiel mit den steigenden Warenpreisen hineinbringt und dem eher simplen Muster von Angebot und Nachfrage eine neue Dimension von Komplexität verleiht.
Was hat das nun für Sie als Investor zu bedeuten?
Angesichts all dieser Faktoren können wir einen Fakt als gegeben hinnehmen: Wir alle – Produzenten und Konsumenten - werden uns auf steigende Nahrungsmittelpreise einstellen müssen. Essen wird ganz einfach teurer werden. Wells Fargo prognostiziert für die USA einen Anstieg von durchschnittlich 4%. Aber es gibt Unterschiede. Bei Schweinefleisch und Rindfleisch müssen wir uns möglicherweise sogar auf einen Anstieg von 10% gefasst machen.
Falls Sie jetzt jedoch darauf spekulieren, dass dann die Aktien von Fleischproduzenten möglicherweise ein schönes Schnäppchen sein könnten, geben Sie Acht, das könnte ein Reinfall werden: möglicherweise wurden die Fleischerzeuger von den steigenden Futterpreisen kalt erwischt und haben den Balanceakt nicht oder nicht rechtzeitig hinbekommen, ihre Preise zu erhöhen, um den Anstieg der Futterkosten aufzufangen und gleichzeitig konkurrenzfähig zu bleiben. Das The Wall Street Journal wusste von einem Betrieb in Minnesota mit rund 300 Kühen zu berichten, der sich von doppelt so hohen Futterkosten nahezu erdrückt fühlte. Andere Nahrungsmittelhersteller haben mit ähnlichen Problemen zu kämpfen.
Hier wird es in der nächsten Zeit sicherlich noch einige Anpassungen geben, denn die Menschen werden sich notgedrungen auf höhere Lebensmittelpreise einstellen und auch die Landwirte werden alle ihre Ressourcen ausschöpfen, um konkurrenzfähig und auf dem Markt bleiben zu können. Auf längere Sicht ist davon auszugehen, dass die Fleischerzeuger wieder in die Gewinnphase kommen werden.
Eine Variable gibt es allerdings, die nicht wirklich kalkulierbar ist: das Wetter.
Weltweite Getreideproduktion 2009-2010

Quelle: http://www.worldofcorn.com/statistics_worldcornmarket.html
Wie Sie an dieser Graphik sehen, sind die USA mit 41,9% führend mit ihrer Getreideproduktion, gefolgt von China mit 19,5%, der EU mit 7% und Brasilien mit 6,4%.
Weltweite Getreideexporte 2009-2010

Quelle: http://www.worldofcorn.com/statistics_worldcornmarket.html
Bei den Getreideexporten liegen - wie aus dem obigen Graphen ersichtlich - wiederum die USA an der Spitze mit 61,3%, gefolgt von Brasilien mit 10,6%. Dürreperioden wie auch Überschwemmungen von kostbarem Ackerland oder ähnliche Naturkatastrophen in einem dieser Länder könnten auf dem Weltmarkt zu verheerenden Auswirkungen führen.
Besonders die Wachstumsmärkte wären von einer Verknappung des Angebots und dem daraus resultierendem Preisanstieg betroffen, denn hier träfe es am härtesten. Um das nachvollziehen zu können, stellen Sie sich einmal den „typischen Amerikaner“ – sofern es ihn denn gibt – vor. Es ist wohl Michael Pollan, der in seinem Buch Das Omnivoren-Dilemma: Wie sich die Industrie der Lebensmittel bemächtigte und warum Essen so kompliziert wurde aufzeigt, dass dieser Amerikaner 9% seines Einkommens für Essen ausgibt. (Übrigens ist das der niedrigste Prozentsatz, der überhaupt zu irgendeiner Zeit irgendwo auf dem Planeten für Essen ausgegeben wurde bzw. wird.) Wenn derselbe Mann (oder Frau) dann möglicherweise 4% mehr für seine Lebensmittel ausgeben muss, wird es ihm/ihr vielleicht nicht gefallen, aber in der Regel kann er/sie es verschmerzen.
Ganz anders sieht es hingegen in Indien, China oder anderen Wachstumsmärkten aus. In China beispielsweise geben die Menschen 50% jedes zusätzlichen Dollars für Essen aus. Und in Indien sind es eher an die 70%. Folglich schlagen steigende Nahrungsmittelpreise in Schwellenländern viel stärker zu Buche.
Aber nicht nur das. Der Preisanstieg scheint in den Wachstumsmärkten auch einen Turbo eingebaut zu haben. So sind beispielsweise in Indien die Nahrungsmittelpreise um 18% gestiegen und an ihrem höchsten Niveau - in nur einem Jahr. Ähnlich verhält es sich in China, wo allein im November ein Preisanstieg von 5% zu beobachten war. Weltweit bemühen sich die Regierungen von Schwellenländern mit den unterschiedlichsten Mitteln, die Probleme aufgrund der steigenden Nahrungsmittelpreise in den Griff zu bekommen.
Indonesiens Präsident beispielsweise motiviert seine Bevölkerung, sie sollten ihren eigenen Chili-Pfeffer anbauen. Und die südkoreanische Regierung gab kürzlich ihre Notstands-Lebensmitteldepots von Kohl, Schweinefleisch, Makrelen, Radieschen sowie anderen Grundnahrungsmitteln frei. Und das sind nur ein paar Beispiele, wie aufzeigen, wie ernst die Lage bereits ist.
Lebensmittel sind ein derart elementarer Grundbaustein einer Nation, dass eine Nahrungsmittelkrise – besonders in den sensibleren Schwellenländern – jeden Boom ins Stocken bringen wird. Und erste Anzeichen einer solchen Entwicklung sind bereits zu beobachten, wie beispielsweise hier am BSE SENSEX INDEX zu sehen ist:

Auch andere Märkte hatten einen schlechten Start ins neue Jahr 2011. Und wenn China und Indien und die übrigen Schwellenländer langsamer werden, wird das einen erheblichen Einfluss auf all jene Aktien und Waren haben, die am sensibelsten auf das Wachstum von Schwellenmärkten reagieren.
Aber auch hier gilt die Devise: Des einen Freud, des anderen Leid. Steigende Getreidepreise sind zwar nicht gut für Fleischproduzenten oder Wachstumsmärkte, die Erzeuger von Düngemitteln profitieren jedoch davon - wie auch ihre Aktien.
Gutes Investieren!

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