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Schlechte Zeiten und „der Weg zum Reichtum“

15.05.2012
Franklin-Porträt von Joseph-Siffred Duplessis (Ölgemälde, um 1785)

Franklin-Porträt von Joseph-Siffred Duplessis (Ölgemälde, um 1785).

Der Name Benjamin Franklin (* 17. Januar 1706 in Boston, Massachusetts; † 17. April 1790 in Philadelphia, Pennsylvania) ist Ihnen sicherlich ein Betriff. Hier noch einmal ganz knapp in Stichworten:

Er machte sich einen Namen als Drucker, Verleger, Schriftsteller, Naturwissenschaftler, Erfinder (z.B. Blitzableiter) und Staatsmann. Er gehörte zu den Gründervätern der Vereinigten Staaten und war an der Ausarbeitung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten vom 4. Juli 1776 beteiligt und hat sie mit unterschrieben. Während der Amerikanischen Revolution war er u.a. auch als Repräsentant der Vereinigten Staaten in diplomatischer Mission in Frankreich tätig und aktiv beteiligt an den Friedensverhandlungen zur Beendigung des Amerikanischen Unabhängigkeitskriegs im September 1783. Er war ebenfalls beteiligt an der Ausarbeitung der amerikanischen Verfassung vom 17. September 1787. Franklins Einflüsse sind dabei durchaus nicht auf die heutigen USA beschränkt, sondern auch für Politik und Wissenschaft in Deutschland hat er starke Akzente gesetzt.

Aber Franklin war eben nicht nur Politiker, sondern u.a. auch Drucker und Verleger. Und als solcher veröffentlichte er von 1732 bis 1758 alljährlich den Poor Richard's Almanac, also den Almanach des Armen Richard. Mit Druckauflagen von 10.000 Exemplaren pro Jahr in den amerikanischen Kolonien war dieses Werk ein absoluter Bestseller.

Almanachs (laut DUDEN Fremdwörterbuch [mit einem Kalender verbundene] bebilderte Sammlungen von Texten aus verschiedenen Sachgebieten) waren aufgrund ihrer unterhaltsamen Vielfalt (z.B. saisonale Wetterberichte, praktische Haushaltstipps, Rätsel und ähnliches) sehr beliebt bei den Kolonisten. Und besonders Franklins Almanach glänzte mit seinen brillanten Wortspielen, die teilweise noch heute in der amerikanischen Umgangssprache wiederzufinden sind.

Für diesen Alamanach legte sich Franklin übrigens das Psyeudonym "Richard Saunders" – oder eben »Poor Richard« - zu.

Mit dem Weg zum Reichtum (The Way to Wealth) leitete Franklin die letzte von ihm selbst verlegte Jahresausgabe des Almanachs ein. Kindlers Literatur Lexikon sagt dazu:

„Mit diesem wohl erfolgreichsten und besten amerikanischen Almanach wurde Franklin populär, und ihm verdankte er die finanziellen Mittel für seine vielseitigen Interessen. 1758 verkaufte er den Almanach, der noch bis 1796 erschien. Unter dem Pseudonym Richard Saunders veröffentliche Franklin hier seine eigenen Beiträge, die die üblichen Kalendersparten (von der Astronomie bis zur praktischen Information) ergänzten; hier versprühte er Humor und Lebensweisheit, und hier fand der zeitgenössische Amerikaner, für den »Poor Richard« bald ein fester Begriff war, Sprichwörter und Maximen, die ihm bei seiner Lebensbewältigung hilfreich sein sollten.“

Hören Sie hier also Franklin alias Richard Saunders von einem Herrn (»Vater Abraham«)  erzählen. Dieser Vater Abraham spricht zu einer Gruppe von Menschen, die zu einer Auktion gekommen sind. Und in dieser Ansprache zitiert er immer wieder den »armen Richard«. Dieser sprich Richard Saunders fühlt sich geschmeichelt. Doch sollte Vater Abraham darauf gehofft haben, bei seinen Zuhörern mit seinem Appell an ihre Vernunft einen durchschlagenden Erfolg erzielt zu haben, dürfte er am Schluss enttäuscht gewesen sein, da diese ihm zwar zustimmten, dann aber das genaue Gegenteil dessen, was er ihnen gepredit hatte, praktizierten. Volkserzieherische Bemühungen sind eben nicht zwangsläufig von Erfolg gekrönt, was wohl als selbstironische augenzwinkernde Anspielung auf Franklins ganz persönliche Erfahrungen zu verstehen ist.

Schauen wir also, was uns besagter Vater Abraham mitzuteilen hat:


* * *


Der Weg zum Reichtum


nach Benjamin Franklin in Form einer Standrede
in ungemünztem Golde
neu herausgegeben von R. L. Stab
Berlin 1891


Ich habe gehört, dass nichts einem Autor so sehr schmeichelt, wie sich selber von andern Autoren respektvoll zitiert zu sehen. Urteile also selbst, wie sehr mich der Zwischenfall, den ich dir jetzt erzählen werde, mit Genugtuung erfüllt haben muss. Kürzlich hielt ich mein Pferd vor einer großen Menge Menschen an, die sich zu einer Auktion von Handelswaren versammelten. Die Auktion hatte noch nicht begonnen, und so sprachen die Versammelten darüber, wie schlecht die Zeiten doch seien. Einer von ihnen rief einem schlichten, lauteren alten Mann mit weißen Locken zu: Sag uns, Vater Abraham, was denkst du von diesen Zeiten? Werden diese schweren Steuern nicht bald das ganze Land in den Ruin getrieben haben? Was für einen Ratschlag kannst du uns geben?

Vater Abraham stand auf und antwortete: Wenn ihr meinen Ratschlag haben wollt, so will ich ihn euch in aller Kürze geben, denn zu verständigen Leuten gesprochen, ist ein Wort genug, wie der arme Richard sagt. Sie versammelten sich um ihn, um ihm zuzuhören, und er fuhr folgendermaßen fort:

Freunde!

Ihr klagt über die vielen Steuern und Abgaben. Sie wiegen gewiss schwer; doch wenn das alles wäre, was wir abzugeben haben, so würden wir damit wohl fertig. Wir haben aber noch viele andere Abgaben zu bezahlen, die einigen von uns weit schwerer fallen.

Unsere Faulheit z.B. nimmt uns zweimal mehr ab als die Obrigkeit; unsere Eitelkeit dreimal und unsere Torheit viermal mehr. Von diesen Abgaben kann uns kein Abgeordneter, weder ganz noch halb, befreien. Indes ist noch nicht alles verloren, wenn wir gutem Rate folgen und dem Sprichwort: Gott hilft denen, die sich selber helfen, wie der arme Richard sagt.

I.

Über eine Regierung, die das Volk den zehnten Teil seiner Zeit zu Frondiensten zwänge, würde jedermann schimpfen; die Faulheit aber nimmt den meisten unter uns noch weit mehr ab.

Rechnet einmal die Zeit, die Ihr in völligem Müßiggange d. h. mit Nichtstun oder mit Zerstreuungen, die zu nichts führen, zubringt, und Ihr werdet finden, dass ich recht habe. Der Müßiggang führt zu Krankheit und verkürzt unser Leben, weil er uns schwächlich macht. Müßiggang ist ein Rost, der uns weit mehr angreift als die Arbeit! – Der Schlüssel, den man oft braucht, ist immer blank, wie der arme Richard sagt. Wenn der Pflug arbeitet, dann blinkt er. Liebst Du Dein Leben, so verschwende die Zeit nicht, denn sie ist der Stoff, aus dem das Leben gemacht wird. Zeit gewonnen, viel gewonnen; Zeit verloren, viel verloren.

Wie viel verlieren wir nicht allein dadurch, dass wir länger schlafen, als nötig wäre, ohne zu bedenken, dass der schlafende Fuchs kein Huhn fängt und dass wir im Grabe noch lange genug schlafen können, wie der arme Richard sagt.

Ist die Zeit das Kostbarste unter allen Dingen, so ist Verschwendung der Zeit die größte aller Verschwendungen, denn verlorene Zeit lässt sich nicht wieder finden, und was wir »Zeit genug« nennen, reicht meistens nicht. Packen wir es an, solange wir noch die Kraft dazu haben! Faulheit macht alles schwer, Fleiß alles leicht! Wer spät aufsteht, wird nie fertig; ehe er recht an die Arbeit kommt, ist die Nacht schon wieder da. Die Trägheit schreitet so langsam, dass die Armut sie bald eingeholt hat! – Treibe Dein Geschäft, damit Dein Geschäft Dich nicht treibt. Zeitig ins Bett und früh aus dem Bett macht den Menschen gesund, reich und weise, wie der arme Richard sagt.

Was hilft es, bessere Zeiten zu wünschen und zu erhoffen? Ändert Euch nur selbst, so werden sich auch die Zeiten ändern. Fleiß hat keine Wünsche nötig! – Wer sich mit Hoffnungen nährt, der wird an Hunger sterben! – Ohne Fleiß keinen Preis! – Wer ein Gewerbe treibt, der besitzt auch ein Vermögen, und wer einen Beruf hat, der hat eine Aufgabe, die ihm Profit und Geld einbringt, wie der arme Richard sagt. Er muss aber sein Gewerbe treiben und seinen Beruf ausüben, sonst reichen weder Vermögen noch Beruf, um unsere Abgaben zu bezahlen.

Wer arbeiten will, der findet immer Brot; dem fleißigen Manne guckt der Hunger wohl ins Haus, hinein aber wagt er sich nicht! – Auch die Gerichtsdiener kommen nicht über seine Schwelle, denn Emsigkeit bezahlt die Schulden, aber Verzweiflung vermehrt sie.

Hast Du keinen Schatz gefunden, hat kein reicher Vetter Dich zum Erben eingesetzt, so ist doch der Fleiß alles! – Der Müßiggang bringt Schand und Not, der Fleiß hingegen Ehr und Brot. –Arbeite heute, denn Du kannst nicht wissen, wer Dich morgen davon abhält. Ein Heute ist zwei Morgen wert, wie der arme Richard sagt. – Verschiebe nie auf morgen, was Du heute kannst besorgen.

Wenn Du bei einem guten Herrn dientest, würdest Du Dich nicht schämen, wenn er Dich untätig anträfe? – Nun bist Du aber Dein eigner Herr; so schäme Dich also vor Dir selbst, müßig zu sein, da es so viel für Dich, Dein Haus, Dein Vaterland und Deine Mitmenschen zu tun gibt. – Greife die Arbeit rüstig an, und bedenke, dass eine Katze in Handschuhen keine Mäuse fängt!

Freilich gibt es viel zu tun, und vielleicht hast Du von Natur zarte Hände, aber nur mutig an den ersten Versuch, und es wird mit jedem Tag besser gehen. Dringt nicht der Regen am Ende selbst in Marmor ein? – Nagt nicht eine Maus mit Fleiß und Geduld ein Schiffseil entzwei? – Fällt nicht unter wiederholten Streichen selbst die stärkste Eiche? –

Ich höre einige von Euch sagen: Darf man sich denn kein Vergnügen erlauben? – Ich will Euch sagen, meine Freunde, was der arme Richard dazu sagt: Nütze Deine Zeit, wenn Du Ruhe verdienen willst; und verliere keine Stunde, weil Du keiner Minute sicher bist! – Freizeit heißt die Zeit, in der man etwas Nützliches verrichten kann. Der Fleißige wird freie Zeit haben, nicht aber der Träge; denn ein Leben in Muße und ein Leben in Müßiggang ist zweierlei. Dem Müßiggänger fehlt es stets an Zeit zum Tun und nie an einem Grund, warum er's lasse ruhn.

Mancher möchte, ohne zu arbeiten, gern von seinen Ideen leben; er kommt aber selten weit damit. Arbeit hingegen schafft Annehmlichkeit, Überfluss und Achtung. Fliehe das Vergnügen, und Du wirst Vergnügen haben. – Wenn einer erst Haus und Hof, eine Kuh und ein Schaf hat, wünscht ihm jeder einen guten Morgen ...

II.

Aber der Fleiß allein tut es nicht; wir müssen auch beständig, gefestigt und achtsam sein; wir müssen selbst ein Auge auf unsere Sachen haben und uns nicht zu stark auf andere verlassen: denn – wie der arme Richard sagt – ein Baum, der oft umgesetzt wird und eine Familie, die oft auszieht, gedeihen weniger als die, welche auf ihrem Platze bleiben. Dreimal umziehen ist so schlimm wie einmal abbrennen! –

Willst Du eine Sache gut ausgerichtet haben, so gehe selbst; wenn nicht, überlass sie andern. – Wer durch den Pflug reich werden will, der muss ihn selbst anfassen.

Das Auge des Herrn bewirkt mehr als seine beiden Hände. – Mangel an Sorgfalt schadet mehr als Mangel an Einsicht. – Wer nicht über seine Arbeiter wacht, der lässt ihnen den Beutel offen! – Zuviel Vertrauen auf andere hat manchen unglücklich gemacht; in dieser bösen Welt täuscht Misstrauen weniger als Zutrauen. – Wer zu viel auf andere baut, erwacht mit Schrecken. – Für sich selbst zu sorgen bezahlt sich aus; willst Du einen treuen und angenehmen Diener haben, so diene Dir selbst.

Eine kleine Nachlässigkeit kann großes Unheil anrichten. – Weil ein Nagel fehlte, ging das Hufeisen verloren, weil das Hufeisen fehlte, ging das Pferd verloren, und weil das Pferd fehlte, ging der Reiter verloren: Der Feind holte ihn ein und brachte ihn um, was nicht geschehen wäre, wenn er nach den Nägeln im Hufeisen gesehen hätte.

III.

So viel, liebe Freunde, vom Fleiß und der Achtsamkeit auf unsre Geschäfte. Zu diesen beiden Dingen muss noch etwas hinzukommen: Mäßigkeit. – Wer nicht im Sparen so gut ist wie im Verdienen, der kann sich zu Tode arbeiten, ohne einen Pfennig zu hinterlassen. – Eine fette Küche macht ein mageres Testament. – Wie gewonnen, so zerronnen, heißt es von manchem schönen Taler, seitdem unsere Frauen über dem Tee das Spinnen und Stricken und wir Männer über dem Bier das Baumfällen und Holzspalten vergessen haben.

Wenn Ihr reich sein möchtet, denkt ans Verdienen und ans Sparen. Spanien wurde trotz seiner Eroberungen nicht reich, denn seine Ausgaben übertrafen seine Einnahmen.

Arbeit, Mäßigkeit und Ruh schließt dem Arzt die Türe zu.

Schränkt Euren törichten Luxus ein, dann werdet Ihr weniger Grund zur Klage über schlechte Zeiten, drückende Abgaben und großen Aufwand im Hause haben; denn Wein und Weiber, Spiel und Betrug verkleinern das Vermögen und vergrößern die Bedürfnisse. - Ein einziges Laster kostet so viel, dass man zwei Kinder davon ernähren könnte! - Ihr glaubt vielleicht, dass eine Tasse Tee, ein Gläschen Bier oder Wein, ein Leckerbissen, etwas feinere Kleider, dann und wann eine Lustpartie wenig ausmachen, aber denkt daran: Viele Wenig machen ein Viel! - Nehmt Euch vor kleinen Ausgaben in acht. - Ein kleines Leck versenkt ein großes Schiff! - Narren bezahlen die Gelage, und die Klugen verzehren sie!

Ihr alle seid hierhergekommen, um Kram und Schnickschnack zu kaufen. Ihr nennt das Zeug ein »Gut«, aber passt auf, dass Euch Eure Güter nicht zu Übeln werden.

Ihr hofft, einen guten Kauf zu machen, aber wenn Ihr Eure Anschaffung nicht braucht, wird sie Euch teuer zu stehen kommen. Denkt an die Worte des armen Richard: Wenn Du kaufst, was Du nicht brauchst, so wirst Du bald das verkaufen müssen, was Du brauchst.

— Viele haben sich durch billige Einkäufe zugrunde gerichtet. Warte immer ein bisschen, bevor Du einen guten Handel eingehst. Der Vorteil ist oft nur scheinbar; die Ausgabe kann Dir, indem sie Dich in Deinen übrigen Geschäften einengt, zuletzt unendlich mehr Schaden als Gewinn bringen. Es ist eine große Torheit, Geld auszugeben für einen Kauf, den man später bereuen wird; und gleichwohl wird diese Torheit täglich an Versteigerungen begangen. — Der Weise wird durch fremden Schaden klug, ein Tor nicht einmal durch seinen eignen.

Es gibt Leute, die um ein schönes Putzstück gern fasten und ihren eigenen Kindern das Brot entziehen. — Samt und Seide, Atlas und Schmucksachen löschen das Feuer in der Küche aus, wie der arme Richard sagt. — Weit entfernt davon, notwendig zu sein, gehören sie kaum zu den Annehmlichkeiten des Lebens; man wünscht sie bloß, weil sie ins Auge fallen. So sind die künstlichen Bedürfnisse der Menschen zahlreicher geworden als ihre natürlichen, und so geraten reiche Leute in Armut und müssen oft von denen borgen, die sie sonst kaum über die Achsel ansahen, die aber durch Sparsamkeit und Fleiß zu Wohlstand kamen. Da zeigt es sich wieder, dass ein Bauer auf seinen Füßen größer ist als ein Edelmann auf den Knien.

Einer hat vielleicht ein schönes Vermögen geerbt; er vergaß aber, wie es zustande kam, und denkt: Nun ist es Tag und wird nicht wieder Nacht. Eine so kleine Ausgabe von einem so großen Vermögen fällt nicht in Betracht; aber wenn man immer nur wegnimmt und nichts hinzufügt, ist bald alles weg - erst wenn der Brunnen trocken ist, schätzt man das Wasser!

Aber das hätten sie im Voraus wissen können, wenn sie an den Ratschlag gedacht hätten: Wollt Ihr wissen, was das Geld wert ist, so borget welches. Denn Borgen bringt Sorgen, wie der arme Richard sagt. Nicht besser geht es denen, die Geld ausleihen, wenn Sie es zurückverlangen.

Ehe Du einer Grille nachgibst, sieh nach Deinem Beutel. — Der kindische Geschmack an Putzwerk ist eine gefährliche Torheit. — Eitelkeit ist eine ebenso zudringliche Bettlerin wie die Armut, und noch weit unverschämter. — Hast Du ein schönes Stück gekauft, so musst Du noch zehn dazukaufen, damit die Ausstattung zusammenpasst. Es ist aber, wie der arme Richard sagt, leichter, dem ersten Gelüste zu widerstehen als den folgenden.

Der Arme, der den Reichen nachäfft, ist ebenso lächerlich wie der Frosch, der sich aufblies, um so groß zu werden wie der Stier. — Große Schiffe können etwas wagen, kleine Fahrzeuge müssen sich ans Ufer halten. — Torheiten dieser Art folgt die Strafe auf dem Fuße nach.

Wer die Eitelkeit zum Mittagessen hat, der bekommt die Verachtung zum Abendbrot; oder: Der Stolz frühstückt mit dem Überflusse, speist zu Mittag mit der Armut und isst zu Abend mit der Schande.

Welche Verrücktheit, entbehrlicher Dinge wegen Schulden zu machen! — Es ist wahr, man braucht erst nach sechs Monaten zu bezahlen; das lockt manchen, der nur wenig in der Tasche hat. Es ist gewiss sehr bequem, ohne Geld zu kaufen, aber bedenkt, was es heißt, Schulden zu haben: Ihr gebt andern ein Recht über Eure Freiheit! — Könnt Ihr zur gesetzten Frist nicht bezahlen, so werdet Ihr Euch schämen, wenn Euer Gläubiger Euch begegnet. Ihr werdet zittern, wenn Ihr mit ihm sprecht, und elende Entschuldigungen stammeln. Nach und nach werdet Ihr Treu und Glauben und selbst die Scham verlieren und Euch durch grobe und niederträchtige Lügen entehren; denn das Lügen ist die zweite Stufe des Unrechts, Schuldenmachen die erste. — Lügen reiten auf dein Rücken der Schulden. — Ein freier Mann sollte jedem Menschen unerschrocken ins Gesicht sehen können; Armut aber raubt das Selbstgefühl und die Tugend. — Für einen leeren Sack ist es schwierig, aufrecht zu stehen!

Was würdet Ihr von einem Prinzen oder einer Regierung denken, die Euch bei Gefängnisstrafe verböte, Euch wie Personen über Eurem Stande zu kleiden? Würdet Ihr nicht sagen: Wir sind freie Leute und haben das Recht, uns zu kleiden, wie es uns gefällt; der Befehl schränkt unsere Freiheiten ein; die Regierung ist tyrannisch?!

Und doch unterwerft Ihr Euch selbst einer solchen Tyrannei, wenn Ihr Euch wegen der Kleidung in Schulden steckt. Euer Gläubiger hat das Recht, Euch mit allen gesetzlichen Mitteln zu verfolgen, sobald es ihm gefällt. Wenn Ihr nicht imstande seid zu zahlen, so kann er Euch in dauernde Unruhe versetzen und Euch auch das nehmen, was Euch das Liebste war. — Als Ihr kauftet, dachtet Ihr vielleicht kaum ans Zahlen; Gläubiger aber haben ein besseres Gedächtnis als Schuldner, wie der arme Richard sagt, sie gehören einer abergläubischen Sekte an, die genau auf Termine und Verfallzeiten achtgibt.

Der Zahlungstag bricht an, ohne dass Ihr gemerkt habt, wie die Zeit verstrich; die Schuldforderung ist da, bevor Ihr an die Rückzahlung gedacht habt. — Und wenn Ihr umgekehrt an Eure Schuld denkt, so wird Euch der Termin, der erst so lang schien, fürchterlich kurz vorkommen, Ihr werdet glauben, die Zeit habe zu den Flügeln an den Achseln auch noch Flügel an den Fersen bekommen. — Wer an Ostern Schulden zahlen muss, hat eine kurze Fastenzeit.

Vielleicht seid Ihr eben jetzt in einer Situation, dass Ihr Euch eine kleine Extravaganz leisten könnt, ohne dafür zu büßen; allein, legt lieber etwas für das Alter und für Notfälle zurück, denn: Die Morgenröte währt nicht den ganzen Tag! Vielleicht ist der Verdienst nur von kurzer Dauer und ungewiss, die Ausgaben aber sind gewiss und dauern, solange Ihr lebt. — Es ist leichter zwei Herde bauen, als immer ein Feuer zu unterhalten, wie der arme Richard sagt. — Gehe lieber ohne Abendbrot zu Bett, als dass Du mit Schulden aufstehst! — Erwirb, so viel Du kannst, und behalte, was Du erworben hast! Das ist das ganze Geheimnis, wie man Blei in Gold verwandelt! Wer diesen Stein der Weisen besitzt, der wird nicht länger über schlechte Zeiten und drückende Abgaben klagen.

IV.

So, meine Freunde, lauten die Lehren der Vernunft und Weisheit. Doch dürft Ihr Euch nicht zu stark auf Euren Fleiß, Eure Sparsamkeit und Eure Besonnenheit verlassen.

So vortrefflich diese Eigenschaften auch sind, so werden sie Euch doch ohne den Segen des Himmels wenig helfen. Bittet deshalb demütig um diesen Segen, und seid nicht hart gegen den, der ihn entbehrt, sondern springt ihm hilfreich bei! Bedenkt, dass Hiob litt und dennoch hernach gesegnet wurde.

Endlich: Erfahrung ist eine teure Schule; sie ist aber die einzige, in der Toren etwas lernen, wie der arme Richard sagt. Einen guten Rat kann man wohl geben, aber nicht die gute Ausführung. Wer sich nicht raten lässt, dem ist auch nicht zu helfen – wer nicht hören will, der muss fühlen!


Mit diesen Worten beendete der alte Herr seine Ansprache. Wie wenn es sich um irgendeine gewöhnliche Rede gehandelt hätte, praktizierten die Leute, die seiner Lehre eben noch zugestimmt hatten, nun genau das Gegenteil: Die Auktion begann, und sie kauften in großen Mengen ein.

Der gute Mann hatte meine Almanache wirklich eingehend gelesen und auch alles, was ich im Verlaufe von fünfundzwanzig Jahren zu diesen Themen gesagt hatte, gründlich verarbeitet. Dass er mich so häufig erwähnte, musste alle andern ermüden, meiner Eitelkeit aber tat es überaus wohl, obwohl ich mir bewusst war, dass nicht ein Zehntel der Weisheit, die er mir zuschrieb, von mir stammte, sondern dass es sich um eine Blütenlese aus allen Zeiten und Nationen handelte.

Wie auch immer, ich beschloss, ein besseres Echo auf seine Rede zu sein als die andern, und obwohl ich gekommen war, um Stoff für einen neuen Mantel zu kaufen, ging ich weg mit dem Entschluss, meinen alten Mantel noch etwas länger zu tragen. Leser, wenn du dasselbe tust, wird dein Gewinn so groß sein wie der meine.

Ich bin, wie immer, dein untertäniger Diener

Richard Saunders


* * *


Hinweis für diejenigen unter Ihnen, die Englisch verstehen und sich durch Franklins Almanache durchstörbern wollen: Unter diesem Link erhalten Sie Franklins Almanach Texte als PDF-Download.


Bleiben Sie interessiert!



Unser Buchtipp zu diesem Thema:

Benjamin Franklin: Erfinder, Freigeist, Staatenlenker


Eine weitere Empfehlung:

Benjamin Franklin: Von einem, der auszog, die Welt zu verändern



Bildquellen:
im Titel:
Franklin-Porträt von Joseph-Siffred Duplessis (Ölgemälde, um 1785).
Es zeigt Benjamin Franklin, nordamerikanischer Drucker, Verleger, Schriftsteller, Naturwissenschaftler, Erfinder und Staatsmann, mit 79 Jahren. Das Bild diente 1995 als Vorlage zur Darstellung Franklins auf der neugestalteten 100-US-Dollar-Banknote. / Wikipedia

Bild im Text:
Titelblatt des Poor Richard Almanack aus dem Jahr 1739: An Almanack for the Year of Christ 1739. Benjamin Franklin Library of Congress Rare Book & Special Collections Division www.loc.gov/exhibits/treasures/franklin-printer.html / Wikipedia


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