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Gesunde Schale, kranker Kern? Bleiben Sie wachsam!

Von: A. Bold - 22.07.2009

Ein großes Aufatmen an den Börsen. Amerikas industrielle Produktion war "weniger schlecht" als erwartet. Im Klartext bedeutet das, die Produktion in den Fabriken, Minen und Versorgungsunternehmen fiel "nur" um 0,4% im Juni. Diese und noch ein paar weitere gute Nachrichten bewirkten, dass der Dow Jones Industrieaktienindex einen 256 Punkte-Gewinn verzeichnen konnte.

Die Aktienbörse war in diesen Tagen mit ihrer Erholung beschäftigt. Eine gute Gelegenheit für den ehemaligen Finanzminister und ex-CEO von Goldman Sachs Hank Paulson, dem House Committee on Oversight and Government Reform zu erklären, wie er Ken Lewis, den CEO der Bank of America, gezwungen hatte, den Kauf von Merrill Lynch im letzten Dezember abzuschließen. Paulson erklärte, wie er Merrill Lynch "gerettet habe". Ungesagt blieb, ob und inwiefern er dabei das amerikanische System der freien Marktwirtschaft zerstört hat.

Das Zeugnis von Paulson war in mindestens dreierlei Hinsicht beunruhigend. Erstens gab er offensichtlich eine Form des Zwangs zu, die ungute Assoziationen mit dem ungesetzlichen Eindringen in ein privates Unternehmen wachruft. Zweitens präsentierte er sein Vorgehen als eine ehrenhafte Reaktion auf die Kreditkrise, nicht aber eine unehrenhafte Preisgabe seiner Aufgaben als Finanzminister. Drittens schien sich niemand zu sorgen, welche Verbrechen Hank Paulson begangen haben mochte oder auch nicht - so lange sich die Aktienbörse weiter erholen würde.

Paulsons Mitteilung an Lewis war im Grunde nicht anderes als ein "Friß, Vogel, oder stirb!" mit der klaren, zwischen den Zeilen herauszuhörenden Botschaft, dass auch juristische Maßnahmen wie Vorladungen und Anklagen nicht ausgeschlossen werden könnten im Falle einer Nicht-Kooperation. Wie heißt es doch so schön im Paten: Er machte ihm 'ein Angebot, dass er nicht ablehnen konnte'.

Bei Goldman Sachs zeigt sich inzwischen ein ganz anderes Szenario. Dieses Unternehmen hat sich ganz offensichtlich nicht beeindrucken lassen von der enormen Volatilität, der sich alle bedeutenden Finanzmärkte während der letzten beiden Jahre ausgesetzt sahen. Die Gesellschaft ist stattdessen in die Offensive gegangen und hat ihre Risiken immer weiter erhöht. Gemessen wird dies anhand des Value-at-Risk (VaR), der in den Berichten der Unternehmen ihren wahrscheinlichen maximalen Verlust pro Handelstag angibt. Goldmans letzter Quartalsbericht etablierte den täglichen VaR für das Unternehmen auf einem neuen Rekordhoch von 245 Millionen $.

Wenn wir Goldmans Daily VaR dem VaR des S&P 500 gegenüberstellen, ergibt sich folgendes Bild:

DAILY Value-at-Risk (VaR)

30. Juni 2005

30. Juni 2009

Goldman Sachs

rd.   70 US-$

rd. 1.500 US-$

S&P 500

rd. 140 US-$

rd.   900 US-$

Ganz offensichtlich hat der Aktienbörsen-Zusammenbruch des letzten Herbstes den Appetit von Goldman auf das Risiko kein bisschen reduziert. Diese erhöhte Risikobereitschaft zeigt sich zudem zu einer Zeit, als sich das Unternehmen Milliarden Dollars von der Regierung geliehen hat.

Da kommen einem doch zwangsläufig so einige Überlegungen in den Sinn:

Man kann sich kaum des Eindrucks erwehren, wie ein kompletter Einfaltspinsel ausgenutzt worden zu sein: Einerseits wurde uns zu Verstehen gegeben, das Finanzsystem müsse unbedingt gerettet werden und deshalb müssten wir (die Steuerzahler) es hinnehmen, wenn Washington Hunderte von Milliarden von Dollars unserer Gelder an Wall Street Unternehmen austeilt.

Und dann nimmt dieses Unternehmen die Bailout Gelder und subventionierten Darlehen und vergrößert noch die Bilanzrisiken, die uns überhaupt erst in diese Situation gebracht haben.

Allerdings gibt es auch einen Faktor zugunsten dieser Risikobereitschaft: Die Konkurrenz von Goldman Sachs ist so ziemlich ausgeschaltet! Bear Stearns und Lehman Brothers gibt es nicht mehr. Die Bank of America/Merrill Lynch, Citigroup, AIG und viele andere Finanzunternehmen haben derart verkrüppelte Bilanzen, dass sie keine ernstzunehmende Konkurrenz mehr darstellen.

Eine Gesellschaft, die nahezu keine Mitbewerber mehr hat, steht natürlich ganz anders da. Gibt es unter Umständen einen Zusammenhang zwischen dem hochfliegenden VaR von Goldman und seinen verschwindenden Mitbewerbern???

Fakt ist, der ehemalige Finanzminister und ex-CEO von Goldman hat es einigen Finanzunternehmen ermöglicht zu überleben, während andere in die Arme widerwilliger Retter gezwungen und noch andere wiederum zum Tode verurteilt wurden.

AIG überlebte zum Beispiel und bezahlte sein Überleben prompt mit einigen Millionen Dollars an Goldman Sachs, um Gegenpartei-Transaktionen zu regeln. Und Goldman wurde mit Lehman Brothers' Untergang einen Konkurrenten los.

Sowohl das Scheitern von Lehman als auch die Bailout-Rettung von AIG wurden alle in demselben Meeting beschlossen, das hinter verschlossenen Türen stattfand, mit den Teilnehmern Hank Paulson und den CEOs verschiedener Finanzunternehmen, unter ihnen auch der CEO von Goldman, Lloyd Blankfeins.

Fazit

Goldman Sachs ist jetzt jedenfalls Amerikas wohlhabendstes Finanzunternehmen, und die Aktienbörse ist ungefähr 2.000 Punkte über dem Tiefstand, den sie Anfang März erreicht hatte. Ende gut, alles gut?

Das bleibt noch abzuwarten. Goldman Sachs gedeiht, die Main Street hingegen bricht noch zusammen. Das klingt nicht unbedingt nach gesundem Wirtschaftswachstum. Etwas anderes vorzugeben bedeutet, sich der Art von Wahnvorstellungen hinzugeben, die gewöhnlich große Kapitalverluste erzeugen.

Bleiben Sie wachsam!

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