
Wir möchten Sie heute auf zwei Phänomene hinweisen, die über Gewinn oder Verlust Ihres Wertpapierbestandes entscheiden können. Tatsächlich handelt es sich dabei um die größten Fallen, die es beim Investieren gibt. Und interessanterweise ist es keine andere Person, die Ihnen diese Falle stellt, sondern Sie selbst sind es!
Stellen Sie sich vor, Sie haben lange gespart und Ihr Erspartes dann schließlich, wie Sie meinen, sinnvoll in Aktien angelegt. Damals, als Sie sich zu der Investition entschlossen hatten, hatten Sie sich anhand fundierter Ratschläge aus Ihrer Umgebung für eine bestimmte Auswahl von Aktien entschieden. Und es lief tatsächlich auch sehr gut. Investieren schien eine leichte Angelegenheit zu sein. Sie haben sich so sicher und gut gefühlt über diese Entscheidung, dass Sie zuversichtlich waren, diese Auswahl könnte im Laufe der Zeit nur gewinnen, und Sie könnten sich derweilen mit anderen Dingen beschäftigen.
Die Jahre vergehen und viele Dinge ereignen sich in Ihrem Leben, so dass Sie gar nicht mehr dazu kommen, sich intensiver mit Ihrem Portfolio auseinanderzusetzen. Sie hatten ja (einst) bereits eine sehr gute Entscheidung getroffen. Eines Tages zwingen Sie sich jedoch, wieder einen eingehenderen Blick auf Ihr Portfolio zu werfen und zu prüfen, wo Sie stehen. Und Sie erleben einen Schock: Statt der erwarteten Gewinne ein Verlust, der bald die Hälfte Ihres Vermögens aufgezehrt hat.
Und damit sind Sie schon in Berührung gekommen mit einem menschlichen Phänomen, welches die verhaltensorientierte Finanzierungslehre (behavioral finance - beschäftigt sich mit irrationalem Verhalten auf Finanz- und Kapitalmärkten) als „Verlustaversion“ bezeichnet und das die größte Falle beim Investieren darstellt.
Und deshalb ist es unabdingbar, dass Sie sich mit diesem Phänomen vertraut machen, wenn Sie ein erfolgreicher Investor sein wollen. Sollten Sie es jedoch vorziehen und darauf beharren, Ihre eigenen Fehler zu machen, kann Sie diese Lektion Tausende von Euros oder Dollars kosten.
Doch auch, wenn Sie nicht der super Profi-Investor werden wollen, sollten Sie bei Ihrer Finanzplanung in jedem Fall beachten, dass Ihr Sparnotgroschen idealerweise rund acht bis 12 Monate Lebensunterhaltskosten betragen sollte. Das verschafft Ihnen das Polster, um gegebenenfalls Turbulenzen bei Notfällen oder Problemen mit dem Arbeitsplatz abfedern zu können. Und dieses Polster hilft Ihnen enorm, um auch in Krisenzeiten tief und durchschlafen zu können.
Eine solche Kostbarkeit muss jedoch auch geschützt werden, und das beinhaltet unter anderem, sich auf potentielle Verluste vorzubereiten. Wenn Sie es unterlassen, diesen Schritt zu unternehmen, können Sie Ihr Polster auch gleich in den Wind schreiben, vor allem, wenn Sie dieses Polster in Aktien angelegt haben. Denn in diesem Fall können Sie sich auf hohe Verluste gefasst machen. Auch wenn Sie diese Verluste möglicherweise steuerlich geltend machen können, ist das sicherlich nicht das Produkt, das Sie erzielen wollten.
Die oben erwähnte Verlustaversion bringt jedoch den Impuls mit sich, auch nur die bloße Möglichkeit von Verlusten völlig zu verdrängen wie ebenfalls die Verluste selbst, sollten Sie bereits eingetreten sein. Dieser Impuls kann derart mächtig sein, dass Investoren dazu neigen, Sieger (zu) früh zu verkaufen und an ihren Verlierern kleben zu bleiben. Sie müssen kein Finanzgenie sein, um zu sehen, dass dies das genaue Gegenteil dessen ist, was Sie tatsächlich tun sollten.
Hierzu gibt es einen interessanten Aspekt zu wissen. So haben nämlich die Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky in den 70-er Jahren festgestellt, dass für die Menschen subjektiv der Schmerz, wenn sie Verluste einfahren, größer ist als das Vergnügen, wenn Sie Gewinne verbuchen – und zwar auch, wenn sich Verlust und Gewinn zahlenmäßig entsprechen. Die pure Angst vor diesem Schmerz produziert somit eine enorme Triebkraft, so stark, dass sie in der Lage ist, den Verstand außer Kraft zu setzen.
Die verhaltensorientierte Finanzierungslehre bietet uns noch zwei weitere Konzepte, die ebenfalls mit ins Spiel kommen: Besitztumseffekt (endowment effect) und Dispositionseffekt (disposition effect).
Besitztumseffekt beschreibt die Eigentümlichkeit, dass wir einer Sache, sobald wir sie kaufen, mehr Wert zuschreiben und sie mehr schätzen als es vorher der Fall war. Sie gehört jetzt Ihnen, sie erfüllt Sie mit Besitzerstolz. Sie erfüllen diese Sache sozusagen mit Leben und damit gewinnt sie natürlich – rein subjektiv betrachtet – eine neue Dimension. Ein neues Auto oder eine Puppe bekommen einen Namen, neuer Schmuck wird beinahe zärtlich berührt, ein neues Gemälde fast ehrfürchtig betrachtet, wenn es noch ganz neu an der Wand hängt. Diese Eigentümlichkeit gilt auch für Aktien. Und sie macht es umso schwieriger, sich von etwas zu trennen, das wir unser eigen nennen, selbst wenn sich beispielsweise die Aktie in einen Verlierer verwandelt. Und somit kann dieser Besitztumseffekt fatale Konsequenzen haben.
Und damit kommen wir auch schon zum Dispositionseffekt: die innere Blockade, die Leute davon abhält, etwas zu verkaufen, obgleich ihr Verstand ihnen sagt, dass sie es verkaufen sollten. Die dahinter stehende Berechnung suggeriert ihnen, solange sie nicht verkaufen, sei schließlich noch alles in Ordnung. Sie wissen schon: „Die Hoffnung stirbt zuletzt!“ Erst in dem Moment, wo sie verkaufen, wird der Verlust endgültig, denn dann ist er sozusagen amtlich gestempelt und besiegelt. Und das öffnet die Tür für den Schmerz über den Verlust. Vorher, solange dieser nur auf dem Papier steht, ist er einfach nicht wirklich real.
Zunächst einmal müssen Sie sich klar machen, dass auch Sie nicht davor gefeit sind, das Opfer Ihrer eigenen Betrachtungen zu werden. Diese Erkenntnis führt dann schon zu dem nächsten Schritt: Sie müssen Maßnahmen ergreifen, um sicherzustellen, dass nicht genau das passiert.
Die oben beschriebenen menschlichen Impulse können Sie am besten austricksen, indem Sie sich feste Regeln setzen, zum einen in Bezug auf Stopps für Ihre Order und zum anderen in Bezug auf die Größe Ihrer Positionen. Diese Regeln agieren dann praktisch als Disziplinierungsinstrument, um nicht in diese Fallen hineinzulaufen.
Hinsichtlich der Stopps für Ihre Order gibt es ein technisches Werkzeug, mit dem Sie sich optimal schützen können, und das ist der sogenannte Schlepp-Stopp (trailing stop). Mit diesem Schlepp-Stopp wird Ihre Order automatisch angeglichen, wenn der Aktienkurs steigt oder fällt. Sie können damit also gleichzeitig nicht realisierte Gewinne auf einer Position absichern und Verluste vermeiden.
Beispielsweise können Sie festlegen, dass Ihre Order automatisch gestoppt wird, sobald der Aktienkurs über 20% oder 25% (empfohlener Richtwert) steigt oder fällt – je nachdem, ob Sie die Aktie kaufen oder verkaufen wollen.
Hinsichtlich der Größe Ihrer Positionen sollten Sie es sich zur festen Regel machen, niemals mehr als 4% oder 5% in einer Position (einzelne Aktien und Obligationen) anzulegen. Mit dieser Positionsgrößenbestimmung können Sie also ebenfalls das Verlustrisiko reduzieren, den selbst wenn dann mal ein paar Positionen den Bach runtergehen sollten, haben Sie noch genügend andere Positionen, die okay bis gut laufen.
Wenn Sie diese Doppelstrategie von Schlepp-Stopps und Positionsgrößenbestimmung beherzigen, haben Sie die beruhigende Gewissheit, dass Sie nie mehr als ungefähr 1% Ihres Wertpapierbestandes auf irgendeiner Investition verlieren. (Bei einem 20% Stopp begrenzen Sie die Größe Ihrer Positionen auf 5%, bei einem 25% Stopp begrenzen Sie die Größe Ihrer Positionen auf 4%. Wie immer Sie es vorziehen, es sind bei jeder Option dann nur ungefähr 1% Ihres Wertpapierbestandes gefährdet.)
Sie sehen also, Sie können Ihren Wertpapierbestand schützen.
Tun Sie es und bleiben Sie wachsam!

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