
William Frederick Cody - sagt Ihnen der Name etwas? Oder vielleicht doch eher Buffalo Bill?
In den späten 1800ern vermittelten seine Wild West Shows mit ihren Darbietungen von Reitkunst, Spiel mit der Flinte und anderen Cowboy Fähigkeiten ein romantisiertes Flair des Wilden Westens, der mit der Abmetzelung von etwa 200 bis 300 Lakota-Indianern am Wounded Knee in South Dakota im Dezember 1890 sein Leben aushauchte. Was Codys Erfolg keinen Abbruch tat - ganz im Gegenteil. Cody exportierte seine Show sogar nach Europa, so war er unter anderem 1889/1890 auch in Deutschland in Karlsruhe und Braunschweig.v
Die Hauptattraktion war die Shownummer der großartigen Scharfschützin Annie Oakley. Mit ihrem so genannten "Kleinen Sicheren Schuss" hatte Oakley eine erstaunliche Nummer: sie schoss und "blies" damit angezündete Kerzen aus und entkorkte Weinflaschen.
Für ihr fulminantes Finale blies sie das angezündete Ende einer Zigarette aus, die ein Mann in einer bestimmten Entfernung in seinem Mund hielt. Dafür bat sie um Freiwillige aus dem Publikum. Da sich niemand jemals als Freiwilliger anbot, postierte sie ihren Mann Frank Butler, mit dem sie immerhin insgesamt 50 glückliche Ehejahre verlebte, unter den Zuschauern. Er bot sich dann als "Freiwilliger" an und gemeinsam beendeten sie den gefährlichen Trick.

Nun, während einer Tournee durch Europa bereitete Oakley, wie schon so viele Male, ihr Finale vor und bat um Freiwillige. Zu ihrem Entsetzen - und der Überraschung von jedem, der mit der Show zu tun hatte - meldete sich ein echter Freiwilliger: Der stolze junge Prinz (der bald Kaiser sein sollte) Wilhelm kam kühn runter von seinem Platz unter den Zuschauern, schritt in die Manege und steckte sich eine angezündete Zigarette in den Mund. Sie nahm - scheinbar kaltblütig - das Ziel ins Visier und schoss und blies damit die Zigarette aus, sehr zu Wilhelms Belustigung. Ob er die Zigarette im entscheidenden Moment noch in seinem Mund oder vielleicht doch in seiner Hand hielt, ist dabei wohl kaum von Belang.
In Anbetracht des unerwarteten Erscheinens dieses berühmten Freiwilligen sollen dann spät am Abend angeblich doch noch die Nerven mit ihr durchgegangen sein. Aber ‚the show must go on'.
In jedem Fall sorgte dieses famose Intermezzo für einen der Lieblings-"was wäre, wenn"-Szenarien von Historikern. Was wäre, wenn ihre Kugel durch das linke Ohr des künftigen Kaisers gegangen wäre? Wäre es dann niemals zum Ersten Weltkrieg gekommen? All die 10 Millionen Soldaten und 6,6 Millionen Zivilisten, die ihr Leben hatten lassen müssen, wären sie am Leben geblieben? Ohne ein besiegtes Deutschland, hätte da ein Hitler an die Macht kommen können? Hätte es einen Zweiten Weltkrieg mit den geschätzten 55 Millionen Toten gegeben? Fragen über Fragen ...
Wissenschaftler nennen diese Art von Episoden "gefrorene Unfälle" ("frozen accidents") - Zeitpunkte, in denen kleine Veränderungen zu dramatischen Konsequenzen geführt hätten. Eric Beinhocker erzählt Oakleys Geschichte in seinem Buch Die Entstehung des Wohlstands. Wie Evolution die Wirtschaft antreibt - was teilweise ein Blick auf die unberechenbare Natur von Märkten ist.
Der Markt selbst ist eine Anhäufung dieser gefrorenen Unfälle. Aktienkurse bewegen sich nicht immer problemlos von einer Mindestkursschwankung zur nächsten. Scheinbar unmerkliche Veränderungen an der Spanne können zu überdimensionalen Veränderungen von Aktienkursen führen. Die klassische Metapher für diesen Prozess ist die eines Schmetterlings, der in Brasilien seine Flügel schlägt und dabei eine Kette von Ereignissen in Gang setzt, die in Texas zu einem Hurrikan führen.
Die Schlussfolgerung hier ist: Der Markt steckt so wie das Leben voller Überraschungen. Niemand kann diese Dinge beständig vorhersagen. Der Markt ist zu dynamisch, zu komplex. Beinhocker rät ein adaptives, höchst pragmatisches Denkmodell, das "reale Fakten über das Heute höher bewertet als Vermutungen über das Morgen".
Als Investoren können Sie diese Ungewissheit für sich arbeiten lassen. Fokussieren Sie sich darauf, was Sie heute für Ihr Geld bekommen. Achten Sie darauf, diesen Einkaufspreis zu unterstützen mit Ladungen von Sachanlagen und/oder einem super-starken finanziellen Zustand. Dann wird Ihr Portfolio besser ausgestattet sein, um jene Vorfälle zu handhaben, wo ein ‚sicherer Schuss' sein Ziel verfehlt.
Gutes Investieren!

Die Entstehung des Wohlstands. Wie Evolution die Wirtschaft antreibt

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